Volkswirtschaftslehre - Dr. Jürgen Faik

Letzte Aktualisierung am 02.06.2017

Standpunkt

Wem nutzt die Nutzentheorie?

zurück zur Übersicht09.10.2005

Neben der keynesianischen Makro-Revolutionierung der Ökonomik in den 1930er Jahren hat mit Sicherheit mindestens noch eine zweite, zeitlich der keynesianischen Revolution vorangegangene Theorieentwicklung die Volkswirtschaftslehre der Moderne nachhaltig geprägt.

Die Rede ist von der Entwicklung der nutzenbasierten Marginalanalyse der Neoklassiker, die im ausgehenden 19. Jahrhundert zur Reife gebracht wurde und die untrennbar mit Namen wie Alfred Marshall, Antoine Augustin Cournot, Léon Walras, William Stanley Jevons oder - für Deutschland - Hermann Heinrich Gossen verbunden ist. Es wurden Begriffe wie Nutzenoptimum, Gewinnmaximum, Grenznutzen, Grenzertrag und dergleichen in die theoretische Analyse eingeführt. Die Mathematik hielt Einzug in die bis dato vorrangig historisierend, philosophisch ausgerichteten volkswirtschaftlichen Modelle.

Die privaten Haushalte orientieren sich in den neoklassischen Modellen an der Nutzenmaximierung, die Unternehmer an der Gewinnmaximierung. Entsprechend stehen gemäß Neoklassik bei den Entscheidungen der Güternachfrager die Grenznutzen und bei denen der Güteranbieter die Grenzgewinne (bzw. insbesondere die Gleichheit aus Grenzkosten und Grenzerlösen) im Vordergrund. Die Preisbildung auf Märkten ergibt sich im neoklassischen Modellrahmen mithin aus der Interaktion dieser marginalistischen Grundorientierungen der Wirtschaftssubjekte auf der Angebots- und auf der Nachfrageseite. In dieser Sicht stellen die marginalistischen, eigennützigen Grundverhaltensmuster der Wirtschaftssubjekte die vom Urvater der Volkswirtschaftslehre, Adam Smith, so bezeichnete, berühmte “unsichtbare Hand“ dar.

Spötter wenden an dieser Stelle gerne ein, dass die skizzierte Orientierung an marginalistischen Verhaltensmustern die Hauptschuld an der heute zu beobachtenden Marginalisierung der Volkswirtschaftslehre in der öffentlichen Debatte habe. Das aus den Marginalbetrachtungen zum Ausdruck kommende Menschenbild des durchgängig zweckgerichteten, gefühlskalten Homo oeconomicus stehe in keinem Verhältnis zu realiter vorfindbarem Verhalten. Daher komme insbesondere der neoklassischen Nutzentheorie keine bzw. nur eine geringe empirische Relevanz zu. Hat also der zu konstatierende Bedeutungsverlust der Volkswirtschaftslehre, so ist zu fragen, auch bzw. vielleicht sogar überwiegend mit den als unrealistisch empfundenen Annahmen der neoklassischen nutzenbasierten Marginalanalyse zu tun? Hat die überlieferte Aussage von Kenneth Boulding, dass er seine Tochter keinesfalls mit einem gefühlskalten Menschen wie dem Homo oeconomicus verheiraten würde, demnach ihre volle Berechtigung?

Richtig ist zunächst einmal, dass der Begriff Nutzen einer empirischen Operationalisierung nur schwer, wenn überhaupt, zugänglich ist. Nutzen ist faktisch dimensionslos. Was genau ist nämlich eine Nutzeneinheit?

Andere Größen wie Körpergewicht, Körpergröße (Dimensionierung mittels Urkilogramm bzw. Urmeter in Paris) oder Zeit (eine Sekunde als Schwingungsdauer bestimmter Lichtwellen) sind hingegen in allgemein nachvollziehbarer Weise dimensioniert. Ebenso verhält es sich bei wirtschaftlichen Größen wie Gewinn, Umsatz oder Kosten, die in Währungseinheiten ausgedrückt werden können. Alle bisherigen Versuche, die Nutzenmessung auf eine ähnlich valide Grundlage zu stellen, müssen als gescheitert angesehen werden. Der Begriff Nutzen ist daher weitgehend “inhaltsleer“ geblieben. Immerhin war die historisch zu beobachtende Fortbewegung von einer kardinalen Nutzenmessung, wie sie sich beispielsweise in den Gossen´schen “Gesetzmäßigkeiten“ ausdrückt, hin zu einer ordinalen Nutzenbetrachtung in Gestalt der Indifferenzkurvenanalyse zweifellos ein theoretischer Fortschritt.

Gleichwohl bleibt die Nutzentheorie weiterhin eine vergleichsweise abstrakte Veranstaltung. Immerhin weist sie darin gewisse Parallelitäten zur modernen Physik auf. Die Einstein´schen Relativitätsbetrachtungen sind, um ein Beispiel zu geben, in ihren gedanklichen Grundmustern ad hoc weniger eingängig als etwa Newtons Gravitationstheorie, und die Urknall-Modelle zur Entstehung des Weltalls bzw. der Erde bewegen sich vielfach schon an der Grenze zu philosophisch-theologischen Betrachtungen. Der Schritt zur Parawissenschaftlichkeit erscheint hier zumindest teilweise nicht weit.

Die vorstehende Kritik an den genannten physikalischen Theorien mag in Teilen ihre Berechtigung haben, doch es ist zu bedenken, dass die entsprechenden Ansätze - nicht zuletzt natürlich die Einstein´sche Revolution - geholfen haben, den menschlichen Fortschritt in materieller Hinsicht voranzubringen. Als ein Beispiel in diesem Zusammenhang können Satellitennavigationssysteme wie das Global Positioning System (GPS) genannt werden, die ohne die relativitätstheoretischen Gedanken von Albert Einstein zu Raum und Zeit nur schwer zu entwickeln gewesen wären.

In analoger Weise kann man m. E. auch die neoklassische Nutzentheorie und das von ihr unterstellte Rationalverhalten der Wirtschaftssubjekte als gesellschaftlich nützlich ansehen, wenn man die betreffenden Ansätze im Sinne eines brauchbaren gedanklichen Ordnungsrahmens für das Wirtschaftsgeschehen begreift. Schließlich ist Wirtschaften per se eine rationale Handlung. Bekanntlich heißt Wirtschaften originär - angesichts der im Vergleich zu den Bedürfnissen knappen Güter - nichts anderes als das Haushalten mit beschränkten Mitteln. Dem wirtschaftlichen Prozess wohnt also eine unmittelbar rationale Komponente inne.

Gleichwohl ist vor einer übersteigerten Interpretation der neoklassischen Rationalansätze zu warnen. Der Mensch mag in seinen Entscheidungen - insbesondere bei solchen in Bezug auf pekuniär vergleichsweise groß dimensionierte Güterkäufe - durchaus ein beträchtliches Rationalverhalten an den Tag legen und damit geordneten Nutzenvorstellungen folgen. Dennoch ist der Mensch eben kein ausschließlich zweckorientiertes, rechenhaftes Wesen, wie es der neoklassische Grundansatz nahe legt. Es sind nämlich auch Verhaltensweisen wie verschwenderisches, krankhaftes Konsumverhalten und impulsbasierte Güterkäufe, aber auch die zum Teil fehlende Eigenständigkeit in den wirtschaftlichen Entscheidungen (etwa wegen der Beeinflussungen durch die Werbung) zu berücksichtigen.

Hier sind Modifikationen des neoklassischen Grundansatzes unbedingt notwendig. Ein pragmatisches Vorgehen an dieser Stelle könnte etwa darin bestehen, von den Optimierungsannahmen der neoklassischen Lehre nur als einer ersten, wenngleich zumindest didaktisch wertvollen Näherung an die Realität auszugehen. Auf dieser Grundlage könnten Modell-Verfeinerungen in Richtung nicht mehr vollständiger, sondern vielmehr beschränkter oder selektiver Rationalität Ziel führend sein. Auch die zunehmende Berücksichtigung psychologischer Verhaltensansätze im Rahmen der Behavioural Economics erscheint viel versprechend. Insofern ist im Nachhinein die Vergabe des Wirtschafts-Nobelpreises an einen der Pioniere dieser Forschungsrichtung im Jahre 2002, an Daniel Kahneman, sehr zu begrüßen.

Die Bedeutung der Psychologie für die Wirtschaftswissenschaften wurde schon von John Maynard Keynes in seinem 1936 auf Englisch erschienenen Hauptwerk “Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ herausgestellt. Die wirtschaftswissenschaftliche Berücksichtigung gruppendynamischer Effekte oder die Determiniertheit menschlichen Verhaltens durch fest gefügte soziale Normen (wie sie z. B. in der Autoritätsgläubigkeit im - filmisch in “I wie Ikarus“ im Übrigen eindrucksvoll dargestellten - Ansatz von Stanley Milgram oder in den Ansätzen zur Verhaltenssteuerung von Iwan Petrowitsch Pawlow zum Ausdruck kommen) erscheinen aus meiner Sicht vom Grundsatz her (bei aller Kritik im Detail) als Schritte in die berühmte richtige Richtung. Psychologische Laborexperimente können zwar die wirtschaftliche Realität natürlich nicht in all ihrer Komplexität zu verstehen helfen, aber sie liefern immerhin wichtige Ansatzpunkte hierfür.

Des Weiteren dürfen die mikroökonomisch geprägten Aussagen der neoklassischen Theorie nicht in der Weise verabsolutiert werden, dass sie unkritisch auf die Makroebene übertragen werden. Das wirtschaftliche Geschehen ist nämlich sowohl durch mikroökonomische als auch durch makroökonomisch-kreislaufbezogene Elemente geprägt. Insofern ist die im Makroökonomik-Lehrbuch von Bernhard Felderer und Stefan Homburg geforderte “Mikrofundierung der Makroökonomik“ durchaus gefährlich. Bei einem solchen Vorgehen kann nämlich das Problem auftreten, dass die Aggregationsproblematik vernachlässigt wird. Das bekannte “Theater-Beispiel“ verdeutlicht dies sehr schön: Steht ein Theaterbesucher während einer Vorführung auf, kann er seine Sicht auf die Bühne verbessern; in der Mikroperspektive hat sich seine Wohlfahrts-Situation also verbessert. Verhalten sich indes alle Theaterbesucher in der genannten Weise, ergibt sich - in der Makroperspektive - keine Verbesserung der jeweiligen Wohlfahrts-Situation der einzelnen Theaterbesucher. Man ist sogar geneigt zu sagen, dass sich Wohlfahrts-Verschlechterungen auf Seiten der Theaterbesucher ergeben haben, denn auf der einen Seite haben sich die Sichtverhältnisse nicht verbessert und auf der anderen Seite stehen nunmehr alle Theaterbesucher, haben also ihren Bequemlichkeitsgrad im Vergleich zur “sitzenden Ausgangsposition“ vermindert.

Ein anderes, viel zitiertes Beispiel für die Aggregationsproblematik resultiert aus den beiden Eigenschaften des Lohnes: Auf der einzelwirtschaftlichen Ebene liegt die ausschließliche Interpretation des Lohnes als unternehmerischer Kostenfaktor nahe. Diese Betrachtungsweise darf aber deshalb nicht unkritisch auf die Makroebene übertragen werden, weil dort auch die Kaufkraft-Funktion des Lohnes zu berücksichtigen ist. Reduzieren nämlich alle Unternehmen einer Volkswirtschaft die Löhne, mangelt es vermutlich im gesamtwirtschaftlichen Maßstab an Kaufkraft bei den Güternachfragern, und es können sich Absatzprobleme für die Güteranbieter ergeben.

Last but not least wird der neoklassischen Mikrotheorie vorgeworfen, dass sie ideologie-lastig sei. Mit ihrer Bezugnahme auf den zweckorientierten, gefühlskalten, nutzen- respektive gewinnmaximierenden Homo oeconomicus rechtfertige sie die den existierenden kapitalistischen Wirtschaftssystemen zugrunde liegenden Wertvorstellungen, welche vornehmlich durch die Unersättlichkeit der Bedürfnisse der handelnden Akteure evident würden. Dieser Vorwurf weist einige Berechtigung auf, doch ist zu bedenken, dass es sich bei der Volkswirtschaftslehre um eine Sozialwissenschaft handelt. Der Wirtschaftsforscher ist stets auch selbst Untersuchungsgegenstand. Seine qua Sozialisation erworbenen Werthaltungen gehen bewusst oder unbewusst immer auch mehr oder weniger in die Formulierung theoretischer Modelle ein. Der Ideologievorwurf darf sich also nicht nur gegen die neoklassische Theorie richten, sondern wohnt auch allen anderen volkswirtschaftlich geprägten Theorieansätzen wie z. B. dem Merkantilismus, der Physiokratie oder dem Marxismus inne. Daher muss die Werturteilsbezogenheit volkswirtschaftlicher Theorien stets bei deren Interpretation mit bedacht werden. Volkswirtschaftliche Theorien weisen stets eine Raum-Zeit-Abhängigkeit auf. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die neoklassischen Ansätze im westlichen Kulturkreis entwickelt wurden und im Grunde genommen nur auf diesen in hohem Maße anwendbar sind.

Trotz der geschilderten Schwächen des neoklassischen Ansatzes - und trotz seiner system-immanenten Tautologien - bietet er gegenüber Alternativansätzen den Vorteil einer größeren modelltheoretischen Geschlossenheit bzw. Ausgereiftheit. Er ist daher weiterhin als ein wichtiges theoretisches Element zur Erklärung der wirtschaftlichen Realität einzustufen. Die vorstehenden Ausführungen dürften jedoch deutlich gemacht haben, dass eine solche Berücksichtigung des neoklassischen Ansatzes keinesfalls unkritisch erfolgen darf. Weiterentwicklungen der traditionellen Mikroökonomik hin zu einer (noch) größeren Realitätsnähe sind daher auf jeden Fall zu begrüßen.

Jürgen Faik