Volkswirtschaftslehre - Dr. Jürgen Faik

Letzte Aktualisierung am 02.06.2017

Standpunkt

Wie paradox ist das Sparparadoxon wirklich?

zurück zur Übersicht22.04.2006

"Geiz ist geil!“, "Sparen ist eine Tugend!“ – so oder so ähnlich schallt es seit einiger Zeit allenthalben durch unser Land. Deutschland – ein Land im Sparrausch! Oder sollte man besser sagen: im Sparwahn?

Gleichzeitig hat sich nämlich über dieses, unser Land ein ökonomischer Mehltau beträchtlichen Ausmaßes in Form niedriger Wirtschaftswachstumsraten, hoher Arbeitslosigkeit und dergleichen gelegt.

Passen diese beiden Befunde der Spar-Philosophie und des wirtschaftlichen Stillstands nicht zwingend zusammen?, ist man unweigerlich geneigt zu fragen. Schon unsere Alltagsbegrifflichkeiten legen es doch nahe, dass dies wohl so ist. Schließlich versteht man umgangssprachlich unter Sparen üblicherweise die Erscheinung des Geld-zur-Ruhe-legens. Dies klingt ganz und gar undynamisch – zumindest wenn man das wirtschaftliche Phänomen des Sparens mit seinem ökonomischen Gegenstück, dem Nicht-Sparen, also dem Konsumieren, vergleicht. Konsumieren basiert ja in einer Geldwirtschaft auf dem Verhalten des Geld-ausgebens, und man assoziiert mit ihm so aktive Dinge wie "Shoppen-gehen“ o. ä.

Also, ist Sparen nicht per se schädlich für eine Volkswirtschaft? Können wir daher alle unsere wirtschaftlichen Probleme sozusagen mit einem Federstrich lösen, wenn wir eine Philosophie des Konsumierens predigen?

Nein, sagen hier die Spar-Apologeten, so einfach sei das alles nicht. Die Ersparnisse versickerten ja schließlich nicht irgendwo im wirtschaftlichen Kreislauf. Vielmehr seien sie die Basis für investive Tätigkeiten. Der Kreditmarkt, besser gesagt: das dortige Marktergebnis – der Kreditzins, koordiniere Spar- und Investitionstätigkeiten dergestalt, dass quasi jede Ersparnis über Kreditvergabe zu einer Investition werde. (Netto-)Investitionen wiederum seien die Grundlage für unternehmerische Produktionsleistungen, mithin für ein höheres Wirtschaftswachstum und damit auch für mehr Beschäftigung in einer Volkswirtschaft. Es bestehe also überhaupt kein Widerspruch zwischen dem einzelwirtschaftlichen Denken, wie es sich in den oben genannten Leitmotiven ausdrückt, und gesamtwirtschaftlichen Ergebnissen, wie sie etwa durch die Wachstumsrate und die Arbeitslosenquote gemessen werden.

Gleichwohl gibt es aber doch in der Literatur das so genannte „Sparparadoxon“, welches durch die keynesianische Theorie populär gemacht wurde – oder irrten Keynes und seine Gefolgsleute? Laut Keynes ist zwar Sparen, insbesondere Geldsparen, einzelwirtschaftlich durchaus rational, da hierdurch auch die Anschaffung von Konsumgütern in der Zukunft gesichert wird. Gleichwohl argumentieren die Keynesianer für die Makroebene gerade im eingangs erwähnten Sinne: Die Bildung von Ersparnissen führe nicht notwendigerweise zu einer gleich hohen Investitionsnachfrage. Die durch das Sparen bedingten Konsumausfälle würden also nicht vollständig durch die Nachfrage vorrangig der Unternehmen nach Investitionsgütern kompensiert. Die verringerte gesamtwirtschaftliche Güternachfrage veranlasse nun, so argumentieren die Keynesianer üblicherweise weiter, die Unternehmen zu Einschränkungen in ihrer Produktion. Das Sparparadoxon basiert demnach auf unterstellten unterschiedlichen Logiken zwischen der Mikro- und der Makroebene.

Was gilt jetzt aber: Die neoklassische Sicht der Dinge, kurz: Sparen als eine Tugend, oder die keynesianische Perspektive, kurz: das Sparparadoxon?

Vergleicht man hierzu die in der jüngeren Vergangenheit ermittelten gesamtwirtschaftlichen Sparquoten (der privaten Haushalte) und die zugehörigen Wachstumsraten mit den internationalen Sparquoten und Wachstumsraten, stellt man fest, dass Deutschland trotz international hoher Sparquoten zuletzt durchweg ein eher mäßiges Wirtschaftswachstum hatte. Die US-amerikanischen Privathaushalte z. B. sparten deutlich weniger, und zugleich war das Wirtschaftswachstum in den USA deutlich höher als hierzulande.

Dieser Befund deutet darauf hin, dass das Sparparadoxon für Deutschland Gültigkeit beanspruchen kann. Die heimischen Nettoinvestitionen sind zu gering, um ein ausreichend großes Wirtschaftswachstum zu generieren. Der Kapitalmarkt sorgt also offenkundig nicht dafür, dass die hohen Ersparnisse der Privathaushalte in gleich hohe Nettoinvestitionen transformiert werden.

Vielmehr scheint es so zu sein, dass die zu geringe Binnennachfrage in Deutschland die Unternehmen – über das Akzelerationsprinzip – zur Produktionszurückhaltung und damit auch zur investiven Zurückhaltung veranlasst hat. Insofern ist die deutsche Sparquote derzeit vermutlich zu hoch!

Leider tritt in wirtschaftlich wenig rosigen Zeiten wie den derzeitigen in Deutschland noch ein zusätzliches Sparphänomen in Erscheinung: Das so genannte "Angstsparen“. Die momentan wirtschaftlich unsicheren Zeiten – gerade auch, was die eigenen Beschäftigungsmöglichkeiten anbelangt – veranlassen nicht wenige Privathaushalte dazu, "Geld für schlechte Zeiten“ zurückzulegen. Dies verstärkt den wirtschaftlichen Abwärtsprozess aber noch.

Es erscheint daher derzeit der Übergang von einer Spar- zu einer Konsum-Philosophie in Deutschland dringend notwendig, will sich unser Land nicht "totsparen“.

Dieser Philosophie-Übergang erscheint auch hinsichtlich der Sparbemühungen des Staates angezeigt. Hier wird – vor dem Hintergrund der restriktiven, theoretisch weit gehend unbegründeten fiskalischen Vorgaben des "Stabilitätspakts“ der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion – überwiegend die Haushaltskonsolidierung als Allheilmittel gepredigt. Der Abbau der Staatsverschuldung sei laut neoklassischer Auffassung ratsam, um die staatlichen Handlungsspielräume zu erhöhen, Crowding out am Kapital- und in der Folge am Gütermarkt zu vermeiden und zudem die nachfolgenden Generationen nicht über Gebühr mit der Schuldenrückzahlung zu belasten.

Mit solch einer Argumentation wird aber übersehen – worauf Peter Bofinger in seinem Bestseller "Wir sind besser, als wir glauben“ anschaulich hingewiesen hat –, dass eine höhere Staatsverschuldung investiv zur Ankurbelung der Gesamtwirtschaft genutzt werden kann und dass hiervon über die hiermit verbundenen Steigerungen der gesamtwirtschaftlichen Sach- und Humankapitalbestände auch die künftigen Generationen profitieren.

Für Unternehmen ist ein sektorspezifisch negatives Geldvermögen die Regel, warum sollte das also für den Staat anders sein, wenn er produktionsgestaltende Aufgaben wahrnimmt?

Entsprechend findet sich auch keine statistische Signifikanz dafür, dass eine höhere Staatsverschuldung zwangsläufig mit negativen wirtschaftlichen Folgen, etwa einem niedrigen Wirtschaftswachstum, verbunden ist. Die skandinavischen Länder haben traditionell eine höhere Staatsverschuldung als Deutschland, aber gleichzeitig zumindest in jüngerer Vergangenheit höhere Wachstumsraten.

Die deutsche Sparmanie, welche im Wesentlichen in Forderungen nach einer Reduzierung der Staatsverschuldung sowie nach möglichst immer höheren privaten Sparquoten zum Ausdruck kommt, erscheint also wirtschaftlich eher schädlich als förderlich zu sein. Die Verteufelung des Phänomens der Verschuldung erscheint dabei unangemessen. Schließlich gilt doch stets, dass die Schulden des einen die Forderungen eines anderen sind. In einer geschlossenen Volkswirtschaft beträgt daher das gesamte Geldvermögen stets genau Null. Problematisch erscheint Verschuldung eigentlich nur dann zu sein, wenn in offenen Volkswirtschaften Leistungsbilanzdefizite auftreten. Dann sind die Schulden des Inlands gegenüber dem Ausland höher als seine Forderungen gegenüber dem Ausland, und das Inland lebt in der Tat über seine wirtschaftlichen Verhältnisse. Umgekehrt – bei einem positiven Leistungsbilanzsaldo – lebt das Inland sozusagen unterhalb seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten. Da für Deutschland aktuell Leistungsbilanzüberschüsse zu verzeichnen sind, ist man fast schon überrascht über die geführten Diskussionen in Richtung Sparwahn!

Natürlich sollte man eine Konsum-Philosophie nicht uneingeschränkt predigen. Sie muss eingebettet sein in die Notwendigkeit, dass die getätigten Ausgaben ein gewisses Maß an wirtschaftlicher Nachhaltigkeit erzeugen und nicht das sind, was man zu Recht abwertend als "konjunkturelles Strohfeuer“ bezeichnen müsste.

Grundsätzlich ist es in der m. E. anzustrebenden Wirtschaftspolitik wie im Fußball. Eine Mannschaft, die sich nur auf die Defensive verlegt, schießt keine Tore. Entsprechend "schießen“ auch höhere Ersparnisse "keine Tore“! Umgekehrt ist eine zu offensive Ausrichtung im Fußball auch nur begrenzt von Vorteil, da man Gefahr läuft, auf diese Art und Weise zu viele Gegentore zu erhalten. Wie eine Ausgabenpolitik, die nachhaltig sein sollte, ist daher auch im Fußball im Regelfall das gefragt, was der Fußball-Lehrer Otto Rehhagel zu seinen Bremer Zeiten einmal "kontrollierte Offensive“ genannt hat. Die Erfolge, die Brasilien zuletzt im Weltfußball (analog zu den skandinavischen Ländern im Bereich des Wirtschaftswachstums) mit einer solchen Strategie gefeiert hat, sprechen doch eigentlich für sich!

Zusammenfassend erscheint zur Heilung der "deutschen Krankheiten“ im wirtschaftlichen Leben eine nachfrage- bzw. ausgabenorientierte Wirtschaftspolitik zielführend – zusammen mit gewissen angebotsbezogenen Einsprengseln, welche auf eine ausreichende (aber nicht zu hohe) Sparquote zum Katalysieren von – über die Ausgabenpolitik erzeugter – Investitionsdynamik hinwirken.

Jürgen Faik